„Umbrüche und Wendungen“: Christa Wolfs literarische Suche nach Hoffnung und Wandel
Was passiert, wenn ein System zerbricht – und die Hoffnung mit ihm? Christa Wolfs Umbrüche und Wendungen dokumentiert die letzten Jahre der DDR, in denen Wandel, Enttäuschung und der Wunsch nach Veränderung aufeinanderprallen.
2008 begann für den Filmemacher Thomas Grimm ein außergewöhnliches Interviewprojekt mit Christa Wolf und ihrem Mann Gerhard Wolf. Geplant war ein Gespräch über die Arbeitsweise der Schriftstellerin, doch schnell lenkte der Verlauf des Interviews den Fokus auf die politischen Positionen und Erfahrungen der Autorin – insbesondere im Jahr 1989, der Wendezeit. Aus diesem Material entstand Umbrüche und Wendezeiten, ein vielschichtiges Dokument, das weit mehr Aufmerksamkeit verdient, als es bislang erhalten hat.
Ein Zeitzeugnis voller Tiefe und Widersprüche
Nach dem Tod Christa Wolfs im Jahr 2011 übernahm Gerhard Wolf die Verwaltung ihres umfangreichen Nachlasses. Zusammen mit der 2014 gegründeten Christa Wolf Gesellschaft ist es ihm gelungen, zentrale Dokumente und Korrespondenzen für die Nachwelt zugänglich zu machen. Neben den bekannten Briefbänden – wie der Korrespondenz zwischen Christa Wolf und Sarah Kirsch – fügen sich Umbrüche und Wendezeiten nahtlos in das Werk ein, indem sie die Autorin in einer der politisch und persönlich intensivsten Phasen ihres Lebens zeigt.
Schreiben als Selbstaufklärung
Das Herzstück des Buches ist ein aufbereitetes Interview, ergänzt durch Reden, Aufsätze und Artikel von Christa Wolf. In ihrer typischen Offenheit spricht sie über das Schreiben als Akt der Selbstauseinandersetzung:
„Eine Zeit lang habe ich intensiver und mehr geschrieben. Das hing damit zusammen, dass ich mich in einem Prozess befand, der Klärung bedurfte, der Selbstaufklärung brauchte, ehe ich darüber zum Veröffentlichen schreiben konnte.“
Wolfs Tagebuchführung war ein zentrales Werkzeug dieser Klärung. Sie nutzte es, um ihre Gedanken zu ordnen und ihrer literarischen Arbeit Tiefe und Struktur zu verleihen. Diese Selbstreflexion dringt in ihren Werken wie Kassandra und Medea durch, die sie als Beispiele für eine „subjektive Authentizität“ beschreibt – einer literarischen Strategie, bei der Mythos und Realität zu einem neuen, tiefgründigen Ausdruck verschmelzen.
1989: Hoffnung, Enttäuschung und couragierte Haltung
Das Buch zeichnet detailliert die Ereignisse rund um die Biermann-Ausbürgerung, die Demonstrationen im Herbst 1989 und Wolfs politisches Engagement nach. Besonders eindringlich wird ihre Beteiligung an einer Untersuchungskommission beleuchtet, die Polizeigewalt gegen Demonstrierende dokumentieren sollte. Diese Kommission war ein Ausdruck ihrer Überzeugung, dass der Sozialismus reformierbar sei – eine Haltung, die sie auch nach der Wende nicht aufgab.
Doch Umbrüche und Wendezeiten ist nicht nur ein politisches Dokument, sondern auch ein zutiefst persönliches. Wolfs Enttäuschung über die „gescheiterte Revolution“ und den Verlauf der Wiedervereinigung ist spürbar. Gleichzeitig betont sie den historischen Moment der Selbstermächtigung, den der Herbst 1989 für viele Bürger der DDR bedeutete:
„Mir und vielen anderen wird immer die Erinnerung daran bleiben, dass wir im Herbst 1989 dabei gewesen sind. […] Mitzuerleben, wie hunderttausende Menschen plötzlich im Verlauf weniger Tage und Wochen zu selbstbestimmten Bürgern reiften.“
Ein vielschichtiges Dokument der DDR-Geschichte
Christa Wolf betonte stets die Notwendigkeit, Biografie und Zeitgeschichte zusammenzudenken. Umbrüche und Wendezeiten setzt diesen Anspruch konsequent um, indem es die historischen Ereignisse durch die persönliche Perspektive einer der bedeutendsten Schriftstellerinnen der DDR beleuchtet. Die klare Dokumentation – unterstützt durch akribische Aufzeichnungen und Ergänzungen von Gerhard Wolf – macht das Buch zu einem unschätzbaren Zeitzeugnis.
Fazit: Mehr Aufmerksamkeit für ein wichtiges Werk
Umbrüche und Wendezeiten ist weit mehr als ein Begleitwerk zu den bekannteren Briefbänden oder Romanen Christa Wolfs. Es bietet einen tiefen Einblick in die politischen und literarischen Denkprozesse einer Frau, die nie aufhörte, an die Möglichkeit einer couragierten Gesellschaft zu glauben. Dieses Buch ist eine Einladung, sich mit der Geschichte der DDR, den Hoffnungen und Illusionen der Wendezeit und dem literarischen Vermächtnis Christa Wolfs auseinanderzusetzen. Es verdient einen prominenten Platz in der Erinnerungskultur und in den Regalen all jener, die Literatur und Geschichte lieben.
Buchdetails:
Autorin: Christa Wolf
Titel: Umbrüche und Wendezeiten
Genre: Interview / Zeitzeugnis
Herausgeber: Thomas Grimm
Verlag: Suhrkamp Verlag
Seitenanzahl: 141 Seiten
Preis: 12 €


